Kostbare Stille

 

Stille

 

Wenn man Menschen, die in der Antarktis gewesen sind, nach ihren Erlebnissen fragt, bekommt man oft zu hören, dass sie die dortige Stille sehr beeindruckend fanden. Ich bin nie in der Antarktis gewesen, aber ich glaube zu verstehen, was gemeint ist. Bis vor drei Jahren habe ich in Italien gelebt, auf dem Land, und im Sommer (vor allem im August, wenn ganz Italien Urlaub macht) habe ich einige Male magische Momente erlebt: kein Verkehr auf der einen nahen Straße, keine Flugzeuge am Himmel, keine Stimmen in der Nähe, nicht einmal die von Vögeln und Insekten – absolute, vollkommene, herrliche Stille. Ich erinnere mich gut daran, wie sehr ich diese Momente genossen habe, denn sie schienen den eigenen Gedanken mehr Platz zu geben, sie klarer werden zu lassen. Leider waren es immer nur einige wenige Sekunden dieser totalen Stille, die mir ein Gefühl von Frieden gab. Dann sangen die Vögel wieder, die Grillen zirpten, ein Auto fuhr vorbei. Was gäbe ich dafür, wenn man einen solchen Moment festhalten könnte, um ganz in ihn einzutauchen und all die Gedanken zu denken, die von Lärm vertrieben werden.

Die meisten Menschen, scheint mir, fürchten die Stille. Oder sie halten sie für eine Leere, die unbedingt gefüllt werden muss. Wie der Bildhauer neulich in einer Doku: Er pries die Stille in den Bergen und beschrieb sie als ideal, um sich mit seiner Motorsäge an die Arbeit zu machen. Oder wie das Orchester, das die Stille ehrte, indem es sie mit Musik auf einem Berggipfel zerstörte.

Stille öffnet Fenster im Geist, und wenn man hinaussieht, kann man erstaunliche Dinge erkennen. Leider dauert der Ausblick nie lange, denn das kleinste Geräusch genügt, um die Fenster wieder zu schließen. Ich würde mich gern weit hinauslehnen, um den Ausblick zu genießen. Aber sie ist so selten, diese Stille, so kostbar. Viele Menschen kennen sie gar nicht mehr. Und wenn sie ihr begegnen, erschrecken sie, weil ihre eigenen Gedanken plötzlich so laut werden – ein ungewohntes Geräusch, mit dem offenbar nur Wenige fertigwerden.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte: Mehr Stille wäre nicht schlecht. Vielleicht genug, um nicht nur ein Fenster im Geist zu öffnen, sondern auch eine Tür, durch die man hinausgehen kann, um das unentdeckte Land der Stille zu erforschen und Kraft und Kreativität darin zu finden.

 

4 thoughts on “Kostbare Stille

  1. Solch eine Stille ist auch in der Wüste zu erleben, nur im Gegensatz zur Arktis ist es dort meist sehr warm/heiß. Auf dem Meer ist solch eine absolute Stille zwar auch möglich, aber dennoch sehr selten zu finden.

    Island soll ähnlich der Arktis an manchen stellen eine solche Stille bieten. 😉

    1. Die Sache mit der Stille ist sehr schön beschrieben. Auch mir geht es so. Sie wirkt entspannend, die Gedanken können ungehindert wandern. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass eine längere Stille bald bedrückend wird und den Wunsch nach Geräuschen weckt, die trösten, die dir sagen, dass alles normal ist, alles laut, eben so wie immer.

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