Interview zu „Das Flüstern“

Hier ein weiteres Interview, das Roman Schleifer für PROC (Perry Rhodan Online Community) mit mir geführt hat. Es geht darin um den Thriller „Das Flüstern“, erschienen am 5. August 2019 bei Piper, um „Das Netz der Sterne“ (erscheint am 2. Dezember bei Piper) und um den Roman, mit dem ich gerade fertig geworden bin und der die Geschichte nach „Das Erwachen“ erzählt.

Roman Schleifer:
Seit dem ersten Kantaki-Roman »Diamant« aus dem Jahr 2003 verschlinge ich die Bücher von Andreas Brandhorst. Seit sechzehn Jahre füllen seine Bücher daher einen eigenen Abschnitt in meiner Bibliothek. Zusätzlich bringen mich seine Werke regelmäßig ins Grübeln, wie zuletzt das Buch »Das Flüstern«. Einer jahrelangen Tradition zwischen uns folgend nimmt er sich Zeit für ein Gespräch über »Das Flüstern« und seine kommenden Werke »Im Netz der Sterne« und »Das Erwachen II«. Und er erklärt seinen Bezug zur kontrollierten Schizophrenie.

Andreas, der Hauptheld im Buch »Das Flüstern« ist Nikolas, der am Asperger-Syndrom leidet und eine mathematische Inselbegabung hat, sprich Autist ist. Ich bin sicher, du beeinspruchst in deiner Antwort, dass Nikolas »leidet«.

Andreas Brandhorst:
Da hast du völlig recht – Nikolas ist nicht krank, sondern anders. Übrigens steht nicht fest, dass er ein »Aspi« ist, wie sie manchmal genannt werden. An einer Stelle heißt es im Roman, dass es sich zumindest nicht um die klassische Form des Asperger-Syndroms handelt. Bei meinen Recherchen zu »Das Flüstern« habe ich festgestellt: Glücklicherweise findet auch in Deutschland ein Umdenken statt. Autismus galt bis vor wenigen Jahren noch als Krankheit, wird aber zunehmend als ein »Zustand« begriffen, was der Realität viel näher kommt. Autisten »funktionieren« anders.

Roman Schleifer:
Die meisten Ärzte würden dir vermutlich widersprechen, immerhin findet sich das Asperger-Syndrom im icd10, der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, also die amtliche Diagnosenklassifikation der WHO (https://www.icd-code.de/suche/icd/code/F84.-.html?sp=SAsperger). Findest du die Einstufung als Krankheit arrogant, weil wir, die (vermeintlich) »normalen« uns dadurch erhöhen?

Andreas Brandhorst:
Die falsche Einstufung von Autismus als Krankheit macht es (scheinbar) einfacher: Man verschreibt Tabletten, und damit hat sich die Sache. Viele der eingesetzten Medikamente sind Psychopharmaka, die es in sich haben, und letztendlich dienen sie der Dämpfung, Linderung oder Neutralisierung von Symptomen – das Verhalten des »Kranken« soll unauffälliger werden, leichter zu handhaben. Dabei wird übersehen, dass Autismus ein großes Potenzial hat. So sind zum Beispiel im IT-Bereich viele Programmierer Autisten, weil sie mit Mathematik und strukturierten Sprachen gut zurechtkommen.

Roman Schleifer:
An den PR-Tagen in Osnabrück hast du gesagt, das Thema des Buches ist für dich sehr persönlich: Wie bist du zu dem Thema gekommen? Wer hat dich sensibilisiert?

Andreas Brandhorst:
Das Thema liegt mir schon seit vielen Jahren am Herzen und ist so persönlicher Natur, dass ich an dieser Stelle nicht mehr dazu sagen möchte.

Roman Schleifer:
Du bist als Schriftsteller ja eigentlich auch nicht »normal«, immerhin steckst du während der Konzeption und beim Schreiben zeitgleich in mehreren Persönlichkeiten …

Andreas Brandhorst:
Ich nenne so etwas manchmal »kontrollierte Schizophrenie«. Je besser es einem als Autor gelingt, sich in die Figuren hineinzudenken, je tiefer man in ihre Psyche vordringt, desto plausibler und authentischer wird der Roman.

Roman Schleifer:
Hast du manchmal Angst, dass die literarischen Charaktere auf dich abfärben? Oder sind sie ohnehin alle in dir?

Andreas Brandhorst:
Es ist wie das Spiel von Kindern, die in andere Rollen schlüpfen und sich darin ausprobieren. Es gehört zu den menschlichen Eigenschaften: Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich in die Lage von anderen Personen zu versetzen, die Dinge mit fremden Augen zu sehen. Dadurch »färbt« nichts ab, aber man erweitert die eigene Perspektive.

Roman Schleifer:
Wie hast du recherchiert?

Andreas Brandhorst:
Indem ich Fachliteratur gelesen und mit Betroffenen gesprochen habe, mit Autisten, Sozialarbeitern und Ärzten.

Roman Schleifer:
Kommen wir zum Buchinhalt: In der ersten Szene überlebt der achtjährige Nikolas einen Autounfall, bei dem seine Eltern sterben. Nikolas erlebt diesen Autounfall, der sich als Mordanschlag entpuppt, dank seiner speziellen Begabung wie in Zeitlupe und weicht auch den Kugeln aus. Später stellt er fest, dass er einen Schutzengel hat.
Glaubst du an Schutzengel?

Andreas Brandhorst:
Nein, ich glaube nicht, dass uns jemand oder etwas beschützt. Um das Beschützen müssen wir uns schon selbst kümmern.

Roman Schleifer:
Aufgrund des Schutzengels könnte man vermuten, dass es sich bei dem Buch um ein religiös motiviertes Buch handelt und/oder ein religiöses Thema behandelt.

Andreas Brandhorst:
Nein, mit Religion hat »Das Flüstern« nichts zu tun.

Roman Schleifer:
Nikolas wechselt schließlich in ein Institut für besonders begabte Personen. Spätestens dort drängt sich der Vergleich mit den X-Men auf. Wo denkst du, geht die evolutionäre Entwicklung des Menschen hin? Sind Parabegabte der nächste logische Schritt der Evolution?

Andreas Brandhorst:
X-Men oder etwas in der Art hatte ich beim Schreiben von »Das Flüstern« nicht im Sinn, aber ich habe oft über die Evolution nachgedacht, und darüber, dass sie uns noch die eine oder andere Überraschung bescheren könnte. Übrigens: Es werden immer mehr autistische Kinder geboren, und Jungen sind dabei in der Mehrzahl. Das Normale bleibt nur so lange normal, wie das Ungewöhnliche selten ist …

Roman Schleifer:
Vor seinem Wechsel in das Institut trifft Nikolas auf Sonja, die einen besonderen Platz in seinem Leben einnimmt. Wie wichtig sind Liebe und Freundschaft in deinem Leben?

Andreas Brandhorst:
Das ist eine sehr persönliche Frage, und die sehr persönliche Antwort darauf lautet: Ich wünschte, ich hätte mehr davon gehabt in meinem Leben.

Roman Schleifer:
Nikolas lebt in der Mitte des Buches in Italien, dem Land, in dem du viele Jahrzehnte gelebt hast. Du schilderst ein mafiöses Milieu, in dem Nikolas aufgrund seiner 16 Jahre wie ein Fremdkörper und hoffnungslos naiv wirkt. Welche eigenen Erfahrungen mit der Cosa nostra sind in das Buch eingeflossen?

Andreas Brandhorst:
Die »Cosa Nostra« ist eine von vier großen Mafia-Organisationen in Italien, ansässig vor allem in Sizilien. Außerdem gibt es: die »’Ndrangheta« (Betonung auf der ersten Silbe) in Kalabrien, die »Sacra Corona Unita« in Apulien und die »Camorra« in Neapel. Während meiner 30 Jahre in Italien habe ich es nie selbst mit dem organisierten Verbrechen zu tun bekommen, aber ich hatte mehrmals Gelegenheit, ihre direkten und indirekten Auswirkungen zu beobachten und mit Menschen zu sprechen, die über Kontakte im Mafia-Milieu verfügten. Das alles ist in den Roman eingeflossen.

Roman Schleifer:
Im Laufe des Buches reift Nikolas charakterlich und wird selbstbewusster. Bist du mit der Zeit und deinen Bücher literarisch gereift? Woran machst du das dingfest?

Andreas Brandhorst:
Der einzige Vorteil des Alterns ist das Mehr an Lebenserfahrung, und das macht sich in allen Bereichen bemerkbar, auch beim Schreiben. Dort gilt zudem: Je mehr man liest und schreibt, desto mehr nimmt die literarische Reife zu. Es liegt daran, dass die eigenen Ansprüche steigen, und außerdem gewinnt man einen besseren Blick für das, was die Menschen bewegt, wie ihr Innenleben beschaffen ist und beschaffen sein kann. Wenn ich heute einen Roman nehme, den ich vor, sagen wir, fünfzehn Jahren geschrieben habe, so fällt mir sofort der Unterschied ins Auge. Ja, ich bin literarisch reifer geworden, und ich hoffe, die Reise geht weiter.

Roman Schleifer:
Wenn du eines deiner Bücher aussuchen könntest, um es neu zu schreiben: Welches wäre es? Und was würdest du ändern?

Andreas Brandhorst:
Hier sind wir wieder bei der literarischen Reife: Es gibt nur ganz wenige Bücher, die ich nicht neu schreiben würde. Mit dem Abstand der Jahre gibt es immer Stellen, die mir unfertig, zu kantig, zu ungenau erscheinen – weil man es inzwischen besser weiß, weil man die Messlatte noch höher gelegt hat, weil neue Lebenserfahrungen und neue Perspektiven hinzugekommen sind. Die Bücher, die ich nicht neu schreiben bzw. an denen ich nur wenig ändern würde, wären wahrscheinlich: »Die Stadt«, »Das Erwachen« und insbesondere »Das Flüstern«.

Roman Schleifer:
Die Rezensionen auf den Buchportalen zu »Das Flüstern« sind durchwegs positiv. Wie sehr freut dich so etwas?

Andreas Brandhorst:
Es ist Balsam für meine empfindsame Autorenseele. Das meine ich tatsächlich so.

Roman Schleifer:
Inhaltlich möchte ich gar nicht mehr über »Das Flüstern« verraten, außer, dass ich mit Nikolas und Sonja mitgelitten und mitgefiebert haben. Und durch das Ende lebt die Chance auf eine Fortsetzung, oder?

Andreas Brandhorst:
Den Eindruck könnte man vielleicht gewinnen. Aber eine Fortsetzung habe ich derzeit nicht geplant.

Roman Schleifer:
Apropos Fortsetzung: In deinem Spiegel-Bestseller »Das Erwachen« aus dem Jahr 2017 geht es um das Erwachen einer Maschinenintelligenz. Soeben bist du mit dem Nachfolge-Manuskript fertig geworden. Jetzt folgt die Nachbearbeitung, dann der Lektor, dann kommst wieder zum Zug, bevor wir das Buch erscheint. Wann werden wir es in Händen halten?

Andreas Brandhorst:
Ich nehme an, der Roman erscheint Anfang Oktober 2020, als ein Schwerpunkttitel des Piper Verlags für die Frankfurter Buchmesse 2020.

Roman Schleifer:
»Das Erwachen« ist auf der Spiegel-Bestsellerliste gelandet. Ist das jetzt dein Anspruch für Band II? Und wie sieht das der Verlag?

Andreas Brandhorst:
Ich würde mich sehr freuen, es noch einmal auf die Spiegel-Bestsellerliste zu schaffen. Und der Verlag natürlich auch.

Roman Schleifer:
Ich gehe davon aus, dass wir auf dieselben Helden treffen wie in »Das Erwachen«, aber auch auf neue Figuren. Welche der neuen Figuren ist die wichtigste?

Andreas Brandhorst:
Die wichtigste neue Figur, die Protagonistin des Romans, ist Jessica Jameson. Als bekannte Figuren tauchen auf: Viktoria Jorun Dahl, Mortimer Swift – und natürlich Coorain Coogan, der vielen Lesern gefallen hat, no worries.

Roman Schleifer:
Wie hast du für die Fortsetzung recherchiert?

Andreas Brandhorst:

Zum Glück konnte ich bei den Recherchen auf das Netzwerk zurückgreifen, das beim Sammeln von Informationen und Hintergrundmaterial für »Das Erwachen« entstanden ist. Meine Hacker-Kontakte in Amsterdam haben mir auch diesmal geholfen, wofür ihnen mein besonderer Dank gilt – dafür haben sie einen Gastauftritt im Roman bekommen. Natürlich einen, der nicht auf ihre wahre Identität schließen lässt.

Roman Schleifer:
Jetzt hättest du auch bei anderen deiner Einzelromane eine Fortsetzung schreiben können – wieso bekommt »Das Erwachen« einen Nachfolger?

Andreas Brandhorst:
Eigentlich wollte ich gar keinen Fortsetzung schreiben, aber ich bin oft von Lesern gefragt worden: Wie geht es nach dem »Erwachen« weiter? Wie entwickelt sich die Welt unter der Herrschaft einer globalen Maschinenintelligenz? Was wird aus den Menschen? Schließlich begann ich konkret darüber nachzudenken, und daraus ergab sich das Konzept für einen Roman, der die Geschichte nach dem Erwachen erzählt.

Damit noch nicht genug. Im nächsten Science-Fiction-Roman, der voraussichtlich im Dezember 2020 bei Piper erscheint, komme ich auf die Mars Discovery zurück, ein Raumschiff, das kurz vor dem Erwachen der Maschinenintelligenz zum Mars startete. »Das Erwachen« berichtet in Streiflichtern davon, ebenso »Das Erwachen 2«. Der Science-Fiction-Roman wird die ganze Geschichte der Mars Discovery und ihrer Crew erzählen, eine Geschichte, die weit über den Mars hinausgeht und bis zu den Sternen reicht.

Roman Schleifer:
Witzigerweise habe ich 2019 auch eine Story geschrieben für EXODUS Nr. 40, die am Mars spielt.

Andreas Brandhorst:
Eine Geschichte, die ich gelesen habe, spannend und interessant. Dabei geht es gleich um die ganz große Frage, um das Überleben der Menschheit. Die von einem ziemlich drastischen Konflikt zwischen Mann und Frau abhängt … In Mars Discovery geht es hingegen um den Konflikt zwischen Maschinenintelligenz und Menschen, um eine riesige Chance für die Zukunft, um einen Mars als Zwischenstation auf dem Weg zu den Sternen.

Roman Schleifer:
Im September 2018 hast du in einem Interview mit mir an dieser Stelle für Oktober 2020 einen Roman in Planung gehabt, in dem du Fundamentalismus, Fanatismus, Populismus und Radikalisierung aufs Korn nehme. Ist das noch aktuell?

Andreas Brandhorst:
Ja, für den Roman, einen Thriller, existiert ein Vertrag. Der Arbeitstitel lautet »Messias«. Diesem Roman geht es wie »Das Flüstern« – er wird verschoben, weil ein anderer Titel vorher kommt. Bei »Das Flüstern« war es »Ewiges Leben«, und »Messias« muss sich wegen »Das Erwachen 2« ein Jahr gedulden.

Roman Schleifer:
Bevor wir »Das Erwachen II« in Händen halten, dürfen wir uns Anfang Dezember über dein SF-Buch »Das Netz der Sterne« freuen. Darin geht es um Tess, einer Kartografin, die in einen unbekannten Teil des Kosmos vordringt, aus dem noch niemand lebend zurückgekommen ist. Warum bitte ist sie so blöd und fliegt dort hin, wenn sie der Tod erwartet?

Andreas Brandhorst:
Die Antwort findet sich im Klappentext für »Das Netz der Sterne: »Die junge Tess Velazca ist eine begnadete Sängerin und wünscht sich nichts mehr, als an der Musikakademie des Planeten Harmonie zu studieren. Doch ihre Familie ist hoch verschuldet und Tess’ Schwester Anita, die sich verpflichtet hatte, die Schulden abzuarbeiten, ist abtrünnig geworden und verschwunden. Es bleibt Tess nichts anderes übrig, als Anitas Platz bei Interkosmika einzunehmen, einem Konzern, der die interstellaren Reisen zwischen den Sternen kontrolliert. Um das Vergehen ihrer Schwester zu begleichen, entscheidet sich Tess für die gefährlichste Arbeit: Als Kartografin will sie viele Lichtjahre weit ins Unbekannte vorstoßen, um für Interkosmika fremde Regionen zu erkunden. Doch für viele Kartografen ist es eine Reise ohne Wiederkehr …«

Roman Schleifer:
Wofür würdest du dein Leben riskieren?

Andreas Brandhorst:
Lass es mich so formulieren: Wenn mir jemand sagen würde, »Du könntest morgen zum Mars fliegen, aber es gibt keine Garantie für deine Rückkehr« – ich wäre sofort einverstanden.

Roman Schleifer:
Mit welchen fundamentalen Fragen des Lebens beschäftigt sich »Das Netz der Sterne«?

Andreas Brandhorst:
Mit der einfachsten und gleichzeitig wichtigsten Roman Schleifer: Wofür lohnt es sich zu leben?

Roman Schleifer:
Warum müssen wir auch dieses Buch von dir gelesen haben?

Andreas Brandhorst:
Weil man eine spannende kosmische Geschichte verpasst, wenn man es nicht liest.

Roman Schleifer:
Ich gehe davon aus, das du mir im Dezember 2019 dazu auch wieder ein paar Fragen beantworten wirst… Welche Frage werden ich nach Lesen von »Das Netz der Sterne« ganz sicher stellen?

Andreas Brandhorst:
Wie wär’s mit: Wie bist du bloß auf diese Idee gekommen?

Roman Schleifer:
Gut, ist notiert. 🙂

Andreas, danke für deine Zeit.

 

„Das Flüstern“:
ET 05.08.2019, ISBN 978-3-492-06101-8, Klappenbroschur, ca. 500 Seiten, Verlag: Piper

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