Autorenarbeit früher und heute

SchreibmaschineGestern bei der Arbeit an meinem neuen Roman, der im Herbst 2017 bei Piper erscheinen wird (und über den ich derzeit nur verraten darf, dass es ein Belletristik-Roman ist, der auch für SF-Fans interessant sein dürfte) habe ich am bisher geschriebenen Text zahlreiche kleine und größere Veränderungen vorgenommen. Ein Name musste geändert werden, kein Problem: Suchen und Ersetzen, fertig. Hier einige Sätze löschen oder verändern, dort einige einfügen? Auch kein Problem. Es entstehen keine Lücken, denn der spätere Text rückt wie durch Magie auf. Oder es entstehen Lücken gerade groß genug, um einige zusätzliche Sätze aufzunehmen – der gesamte nachfolgende Text macht Platz dafür. Und wenn es etwas mehr sein darf: Wenige Tastendrücke genügen, um ganze Absätze oder gar Kapitel zu verschieben. Der Text als weiche Knetmasse, der man jederzeit neue Form geben kann, ganz einfach und bequem.

Moderne Textverarbeitungsprogramme sind eine wunderbare Sache für Autoren. Sie nehmen uns viel Arbeit ab und geben uns Werkzeuge in die Hand, mit denen wir eine weitaus bessere Kontrolle über den Text haben, als es bei der Verwendung von elektrischen oder gar mechanischen Schreibmaschinen jemals der Fall war. Die meisten von Ihnen werden Sie gar nicht mehr kennen, aber ich habe vor 40 Jahren meine ersten Romane mit diesen analogen Monstern geschrieben. Damals musste jeder Tippfehler mühsam per Hand korrigiert werden, was immer wieder Zeit kostete und den Schreibfluss unterbrach. Bei den Luxusmodellen unter den Schreibmaschinen gab es »automatische« Korrekturmöglichkeiten, was bedeutet: Entdeckte man einen Fehler sofort, genügte ein Druck auf die Korrekturtaste, um den falschen schwarzen Buchstaben mit einem weißen zu überdecken, und weg war er, der Fehler. Allerdings nur auf dem Original. Im Durchschlag, angefertigt mit Kohlepapier, existierte er nach wie vor, und bei vielen Tippfehlern wurde die Kopie schnell unleserlich. Änderungen von Sätzen? Man nahm Korrekturflüssigkeit wie Tipp-ex, überpinselte die zu streichenden Stellen mit weißer Farbe, wartete ab, bis sie trocken war, spannte das Blatt in die Schreibmaschine, wobei man die richtige Zeile genau treffen musste, und schrieb neu. Natürlich blieben Lücken, weil der neue Text nie genauso lang war wie der alte, und manchmal, wenn er länger war, schrieb man an den Rand der Seite. Größere Textänderungen? Kapitelumstellungen? Man griff zu Schere und Kleber, schnitt Sätze und Absätze aus und klebte sie in der richtigen Reihenfolge zusammen. Man wusste nicht mehr, ob der Protagonist in einer früheren Szene den Gegenstand genommen hatte, den er jetzt brauchte? Tja, in dem Fall blieb einem nichts anderes übrig, als Dutzende oder gar Hunderte von Seiten Text noch einmal zu lesen, bis man Gewissheit erlangte, denn so etwas wie eine Wortsuche vor und zurück gab es damals nicht.

Von Recherche ganz zu schweigen. In den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts musste man Bibliotheken aufsuchen bzw. Fachbücher kaufen, wenn ein Roman bestimmte Hintergrundinformationen brauchte, die man nicht zur Hand hatte. Heute »googelt« man entsprechende Suchbegriffe und wird schnell fündig – die größte Bibliothek der Welt ist nur einen Tastendruck entfernt.

Das ist gelebte Science Fiction, oder Magie, wenn Ihnen Fantasy lieber ist.

 

 

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