Wie man schreibt … (7)

Ein kleiner Ratgeber für das Schreiben, 7. Teil

Dem Roman Leben geben

Sie haben eine gute Idee und alles vorbereitet. Sie wissen, wie Ihr Roman beginnen und wo er enden soll. Sie kennen auch die Zwischenstationen der literarischen Reise. Jetzt stellt sich die Frage: Wie geben Sie Ihrem Werk Leben? Indem Sie die Protagonisten, die agierenden Personen, lebendig werden lassen. Wie stellt man das an? Indem man die Protagonisten wie Personen behandelt und nicht wie Werkzeuge, nicht wie Mittel zum Zweck, die vor allem dazu bestimmt sind, die Handlung voranzubringen.

Zuerst einmal: Bleiben Sie Ihren Protagonisten treu. Legen Sie für jede einzelne Figur ein Datenblatt an, auf dem Sie Aussehen, Verhalten und Besonderheiten notieren. Vermeiden Sie Fehler wie »Breit und groß trat er mit schweren Schritten aus der Nacht«, nur um 20 Seiten später zu schreiben: »Flink und agil schlüpfte er leichtfüßig durch die Tür.« Es ist erstaunlich, wie oft solche Fehler gemacht werden. Figuren können sich natürlich im Lauf der Handlung verändern, aber diese Veränderungen sollten aus ihrem Innern kommen und eine Reaktion auf das Geschehen sein. Die Protagonisten eines Romans sind keine Knetmasse, die man nach Belieben formen kann. Sind sie einmal beschrieben, müssen sie dieser Beschreibung bis zum Schluss entsprechen, wenn sie eine Chance haben sollen, lebendig zu sein.

Versetzen Sie sich in die Lage der Figuren. Sehen Sie das, was geschieht, was Sie geschehen lassen, mit ihren Augen. Lassen Sie sie so auf die Ereignisse reagieren, wie derartige Personen, mit ihren individuellen Besonderheiten, reagieren würden. Das ist sehr, sehr wichtig; es hilft der Glaubwürdigkeit des ganzen Romans. Das Verhalten der Figuren muss immer typisch für sie sein, ihrem Wesen entsprechen. Wenn sie atypisch handeln, weil der Autor an einer bestimmten Stelle des Romans ein solches Verhalten von ihnen braucht, muss es für diese Änderung im Verhaltensmuster eine klare, plausible Erklärung geben. Andernfalls wird aus einer dreidimensionalen, lebendigen Romanfigur ein zweidimensionaler Pappkamerad, der nicht mehr ist als ein Name.

Wie charakterisiert man die Figuren? Lassen Sie mich auf Terry Pratchett verweisen, dem es gelang, zwei oder drei Personen auf nur einer Seite durch die besonderen Wechselwirkungen in einem Dialog zu beschreiben. Genial! Man liest – man hört -, wie die Figuren miteinander sprechen, und selbst in einem kurzen Gespräch kristallisieren sich die besonderen Eigenschaften der beteiligten Personen heraus. Genau das meine ich, wenn ich sage, dass die Protagonisten aus sich selbst heraus handeln müssen. Je lebendiger die Romanfiguren, je klarer das Bild von ihnen (und hier geht es nicht nur um die Äußerlichkeiten), desto lebendiger wird der Roman. Denken Sie daran, dass der Leser vor allem an Personen interessiert ist, nicht an Dingen. Je näher Sie ihm Ihre Protagonisten bringen können, desto mehr Interesse wecken Sie.

Ich verrate Ihnen einen kleinen Trick. Es kann sehr hilfreich sein, sich beim Schreiben bestimmte allseits bekannte Personen vorzustellen, deren Verhaltensweisen oder Sprechmuster denen der Romanfiguren ähneln. Auf diese Weise gewinnt der Autor ein plastisches Bild, was sich auch im Text widerspiegelt, denn: Je klarer die Vorstellung des Autors, desto klarer kann er sie dem Leser vermitteln. Ähnelt das Gebaren Ihres Protagonisten einem Bekannten von Ihnen, oder vielleicht einer Person des öffentlichen Lebens? Dann halten Sie an dieser Vorstellung fest und lassen Sie die Romanfigur so agieren, wie die betreffende Person auftreten würde. Während der Arbeit an »Omni« (im Herbst dieses Jahres bei Piper) habe ich mir bei einer meiner Romanfiguren Christoph Waltz vorgestellt. Vielleicht erraten Sie, bei welcher, wenn Sie »Omni« lesen. 🙂

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