Wie man schreibt … (5)

Ein kleiner Ratgeber für das Schreiben, 5. Teil

Der Ton macht die Musik

(Oder: Bewusstes und unbewusstes Schreiben)

Ob leichte Unterhaltung oder ernste Prosa: Jeder Roman hat seinen eigenen Ton. Ich habe einen Roman mit einer Sinfonie verglichen, bei der jeder einzelne Ton genau richtig sein und an der richtigen Stelle erklingen muss – andernfalls kommt es zu Missklängen. Man erzählt die Geschichte mit einer bestimmten Stimme, und oft liegt die Kunst des Erzählens darin, den Ton dieser Stimme bis zum Ende durchzuhalten. Um bei der Sinfonie-Metapher zu bleiben: Wechseln Sie Dur und Moll nicht nach Lust, Laune und Tagesform, sondern achten Sie darauf, was der Teil der Geschichte verlangt, den Sie gerade schreiben. Das ist wichtiger, als Sie vielleicht glauben. Mit dem falschen Ton kann eine Szene ins Lächerliche abrutschen und Glaubwürdigkeit verlieren, und der Leser folgt Ihnen nicht mehr, wenn er das, was er liest, als unglaubwürdig oder absurd empfindet.

Womit wir beim bewussten und unbewussten Schreiben wären. Und bei einem in der Öffentlichkeit weit verbreiteten Klischee: Dort sitzt der Autor und wartet auf den Musenkuss, und als es dann so weit ist, haut er in die Tasten, angetrieben von einem inneren Sturmwind, der ihn Raum und Zeit vergessen lässt. Er schreibt und schreibt, die Worte strömen aus ihm, sie springen von seinen Fingern auf die Tasten und erscheinen auf dem Bildschirm, füllen Seite um Seite … So stellen sich viele Leute das Schreiben vor, als eine Art literarisches Wellenreiten, bei dem es darauf ankommt, auf dem Kamm der Kreativitätswelle zu bleiben und so schnell zu schreiben, wie die eigenen Gedanken Sätze fabrizieren.

Ich habe vor 40 Jahren so geschrieben: »unbewusst«, mit dem Schwung der Kreativität, angetrieben von der eigenen Begeisterung. Ich habe die Worte einfach aus mir herausfließen lassen und das Ergebnis für gut gehalten. Aber das war ein Irrtum, wie ich heute weiß. Manchmal hatte ich Glück, und der Text taugte tatsächlich etwas, nach den Maßstäben von Heftromanen (die anders beschaffen sind als bei Paperbacks und Hardcovern). Gelegentlich taugte das Ergebnis derartigen Schreibens erst nach gründlicher Überarbeitung und Änderung etwas. Es ist nämlich nicht so, dass der erste Gedanke, der erste Satz, immer der beste ist. Oft ist er es nicht – wenn man sich etwas Zeit nimmt und genauer nachdenkt, findet man bessere Worte für einen besseren Satz, und bessere Sätze ergeben einen besseren Roman. Ein Lektor machte mich damals darauf aufmerksam. Er wies mich darauf hin, dass Worte klare Bedeutung haben, und dass ein Autor diese klar definierte Bedeutung kennen muss. Er riet mir damals, »bewusst« zu schreiben, die Worte genau abzuwägen. Diesen Rat habe ich befolgt. Er hat mich auf den richtigen Weg gebracht, und deshalb gebe ich ihn hier weiter: Überlegen Sie eher dreimal als zweimal, wie Sie was schreiben, mit welchen Worten. Denken Sie immer an den Ton in den Worten, an ihre Bedeutung.

Sie sollten wissen, dass »Sinn machen« keinen Sinn ergibt. Sie sollten den Unterschied zwischen »scheinbar« und »anscheinend« kennen, zwischen »Charakter« und »Figur«. Sie sollten wissen, was »ultimativ« wirklich bedeutet. Worte sind die Werkzeuge des Schriftstellers; er sollte sorgfältig mit ihnen umgehen. Tut er es nicht, kann das Ergebnis kaum mehr sein als Mittelmaß, oder weniger. Bewusstes Schreiben dauert länger, ist aufwändiger, erfordert mehr Mühe, aber es führt zu besserer Qualität, und wie heißt es so schön: »Quality never goes out of style.«

Fortsetzung folgt

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