Wie man schreibt … (4)

Ein kleiner Ratgeber für das Schreiben, 4. Teil

Der Plot

Wenn Sie mit Aristoteles‘ »Poetik« vertraut sind, wissen Sie worum es geht. Der große Grieche sprach damals vom »mythos«, womit nicht der Mythos gemeint ist, sondern vielmehr die Handlung, das, worum sich der Roman (bzw. das Theaterstück) dreht. Was macht einen Roman aus? Ein amerikanischer Kollege formulierte es so: »It’s all about conflict!« Ein anderer Amerikaner, William Faulkner, sprach ebenfalls davon, als er den Nobelpreis gewann. Das einzige lohnenswerte Thema für einen Schriftsteller, so meinte er, sei das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst. In einem Roman geht es also um Konflikte oder Probleme, die gelöst werden müssen. Das Problem wird präsentiert und dramatisiert, und dann versuchen die handelnden Personen, es zu lösen. Ihre Aktionen folgen dabei dem Verlauf eines Spannungsbogens vom Anfang bis zum Ende des Romans, und dieser Bogen besteht aus einzelnen Etappen auf dem Weg zur Problemlösung. Je geschickter Sie diesen Spannungsbogen gestalten, zum Beispiel mit Hindernissen, die Sie den handelnden Personen in den Weg legen, oder durch eine Zuspitzung des Konflikts, desto interessanter wird der Roman für den Leser. Wobei der Spannungsbogen eigentlich mehr eine Kurve sein sollte. Anders ausgedrückt: Die Spannung sollte immer mehr steigen und kurz vor dem Schluss ihren Höhepunkt erreichen.

Eine klare Linienführung erleichtert dem Leser die Wanderung durch Ihre Geschichte, und deshalb rate ich dazu, dies sorgfältig zu planen, am besten mit einer Skizze, die den Weg der handelnden Figuren (und damit auch den des Lesers) darstellt. Je klarer Plot und Spannungsbogen, desto leichter gewinnen und halten Sie das Interesse des Lesers. Sie können ihn in die Irre führen und überraschen – das sollten Sie sogar, viele Leser lieben überraschende Wendungen –, aber er muss immer wissen, wo er sich befindet. Er darf sich nicht in zu verschlungenen Handlungssträngen verirren, denn dadurch würde er das Interesse verlieren. Und wenn ein Leser das Interesse verliert, klappt er das Buch zu oder schaltet den Reader aus, und das war’s dann mit Ihrem Roman.

Der Spannungsbogen kann einige Dellen haben – ich nenne sie »Ruhepunkte«, die zum Beispiel der Aufarbeitung von Informationen dienen, Protagonisten wie Leser eine Ruhepause gönnen und eine Neuorientierung ermöglichen. Aber die Dellen dürfen nicht zu Schlaglöchern oder tiefen Tälern werden, der Bogen nicht zu einer Schlangenlinie. Denken Sie daran, und dieser Punkt ist wichtig: Wenn Sie bei der Handlungsführung Ihrer Sache nicht sicher sind, verunsichern Sie den Leser. Aus einer derartigen Verunsicherung kann schnell Langeweile werden, und ein gelangweilter Leser liest nicht weiter.

Und noch ein wichtiger Punkt, der Plot, Spannungsbogen und ganz allgemein die Handlung betrifft. Er heißt: »Tell the truth – sagen Sie die Wahrheit.« Damit meine ich: Seien Sie plausibel. Wenn Sie Ihre Figuren in eine schwierige Lage gebracht haben, müssen Sie ihnen einen plausiblen, nachvollziehbaren Ausweg anbieten. Greifen Sie nicht zu einem Wunder oder dergleichen (Stichwort: Deus ex machina), denn damit würde die Handlung ihre Glaubwürdigkeit verlieren. Sie würden »lügen«. Auch die Auflösung des Problems/Konflikts muss plausibel, nachvollziehbar sein. Gerade mit dem Ende steht und fällt der ganze Roman. Wenn Sie Ihren Leser hier enttäuschen, wird er den kompletten Roman als enttäuschend empfinden. Das Ende ist mindestens ebenso wichtig wie der Anfang.

Am besten funktioniert die Geschichte, wenn alles gut miteinander verzahnt ist, wenn alles zusammengehört und aufeinander aufbaut. Auch hier bietet sich Planung an (siehe »Wie man schreibt … 2. Teil«), denn Zufall allein kann nicht alle Teile des Mosaiks so zusammenführen, dass sich ein einheitliches Bild ergibt.

Fortsetzung folgt

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