Eine kurze Geschichte der Kantaki

RaumZeitKurze Geschichte der Kantaki

Die insektoiden Kantaki entwickelten sich vor vielen Millionen Jahren auf dem Planeten Munghar im Urirr-System, viertausendachthundert Lichtjahre außerhalb der von Menschen besiedelten galaktischen Regionen. An der Oberfläche ihrer Welt hatten sie viele natürliche Feinde, deshalb zogen sie sich in subplanetare Höhlensysteme zurück. Schon in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung entstand die Philosophie der fünf Großen Kosmischen Zeitalter.

1. Die Ära der Geburt.
2. Die Ära des Wachstums.
3. Die Ära der Reife.
4. Die Ära des Verstehens.
5. Die Ära der Vergeistigung, mit der sich der Zyklus schließt: Der Materie gewordene Geist kehrt zur Sphäre des Geistigen zurück.

Die Kantaki wissen um eine unheilvolle Kraft, die das Universum seit seiner Entstehung durchzieht, von ihnen »der Abissale« genannt. Sie wissen auch, dass sich der Geist, der einst Materie wurde, im fünften und letzten Zeitalter in einem alles entscheidenden Konflikt gegen den Abissalen durchsetzen muss, damit sich der Zyklus schließen kann. Sie glauben, dass der Geist noch nicht für diesen Konflikt bereit ist, und deshalb versuchen sie, das vierte Zeitalter zu verlängern, indem sie ihren Einfluss als stabilisierenden Faktor geltend machen und über die Zeit wachen.

Die Konstruktion der Pluriallinse im Inneren von Munghar erlaubte es den Kantaki, ins Plurial zu sehen, eine Sphäre mit Myriaden von Universen. Damit beschleunigte sich die technische und biologische Evolution der Kantaki in eine Hyperdimension, die sich jenseits der uns vertrauten drei räumlichen Dimensionen und auch abseits des normalen Zeitstroms erstreckt. Ihre Raumschiffe bestehen aus vielen einzelnen Segmenten und existieren teilweise in der Hyperdimension. Sie nutzen den Transraum, eine Zwischendimension, die nicht nur überlichtschnelle Geschwindigkeiten erlaubt. Der Transraum ermöglicht den Kantaki auch die Meditation im so genannten Sakrium, einem Ort, der sie dem Geist, der einst Materie wurde, näher bringt.

Als die Raumschiffe der Kantaki auf andere Zivilisationen stießen, stellte sich heraus, dass keine der anderen intelligenten Spezies eine überlichtschnelle Raumfahrt entwickelt hatte. (Später sollte es zwei Ausnahmen geben, die jedoch kaum etwas am Monopol der Kantaki änderten: die Xurr und die Horgh). Sie boten ihre Schiffe als interstellare Transportmittel an und richteten einen Konversionsfonds ein, der zur neuen Grundlage ihrer Ökonomie wurde. Fortan ließen sie sich für den Transport von Waren und Personen bezahlen und verlangten die Achtung ihres Sakralen Kodexes. Wer sich nicht daran hielt, wurde von den Kantaki isoliert, ohne eine Möglichkeit, andere Sonnensysteme zu erreichen oder mit ihnen zu kommunizieren. Der komplexe und Wandlungen unterworfene Sakrale Kodex verbot ausdrücklich Experimente mit der Zeit, denn in der Vergangenheit lauert ein mächtiger, unheimlicher Gegner: die Temporalen, Helfer des Abissalen.

Wichtige Ereignisse in der jüngeren Geschichte der Kantaki:

1. Vor 20 Millionen Jahren entwickelte sich bei den Kantaki eine kleine Gruppe von Ungläubigen. Die Renegaten, wie sie von ihren Artgenossen genannt wurden, leugneten nicht die Existenz des Geistes, der Materie geworden war, um zu lernen und am Ende der Fünften Ära wieder Geist zu werden. Aber sie hielten die Keime des Abissalen für Ausdruck eben jenes Geistes und seinen Versuch, das Fünfte Kosmische Zeitalter einzuleiten, das Ende des Universums herbeizuführen und die Fesseln des Materiellen abzustreifen. Die Renegaten wurden als Häretiker aus der Gemeinschaft der Kantaki verstoßen und brachen mit ihren Schiffen in Richtung Milchstraßenkern auf.

2. Vor 3,8 Millionen Jahren eskalierte der Erste Konflikt der Konzepte. Einige einflussreiche Kantaki waren der Ansicht, dass der Sakrale Kodex geändert werden müsse, um eine aktivere Teilnahme der Kantaki am Geschehen in der Milchstraße und anderen Galaxien zu ermöglichen. Die Mehrheit der Kantaki beschloss, am äonenalten Sakralen Kodex festzuhalten, und diese Entscheidung führte zum Schisma. Unter der Führung von Mutter Krorah, einer der Großen Fünf ihrer Zeit, brach ein Teil des Kantaki-Volkes auf, um die Milchstraße für immer zu verlassen. Bei den Zurückbleibenden galten sie als Abtrünnige, doch die Exilanten waren fest davon überzeugt, den richtigen Weg zu beschreiten. Sie kehrten ihrer Heimat den Rücken, und man hörte nie wieder etwas von ihnen.

3. Der Zweite Konflikt der Konzepte begann vor 2,5 Millionen Jahren, als die Weltenschiffe der Doghon sowohl den Andromedanebel als auch die Milchstraße erreichten, und er betraf nicht nur die Kantaki, sondern auch viele andere Völker. Die außerordentlich hoch entwickelten Doghon waren seit vielen Millionen Jahren im Universum unterwegs und wollten als Missionare allen intelligenten Völker ihre Art von Einsicht und Erkenntnis bringen. Sie sahen in sich selbst eine überlegene Spezies und schreckten nicht davor zurück, anderen ihre Philosophie aufzuzwingen. Die Doghon hatten es vor allem auf die Kantaki abgesehen – für sie die erste echte Herausforderung seit dem Aufbruch ihrer Weltenschiffe. Die unbewaffneten Kantaki mussten sich zurückziehen und ihre überlichtschnellen Raumflüge auf ein Minimum reduzieren. Dadurch waren die besiedelten Sonnensysteme vieler Völker plötzlich ohne Verbindung untereinander. Die Kantaki versuchten, die von ihnen bewohnten Planeten vor den Doghon geheim zu halten. Diese suchten nun vor allem nach Völkern, die noch an ihre Ursprungsplaneten gebunden waren und sich auf einer vergleichsweise primitiven Entwicklungsstufe befanden – bei ihnen brachten sie die Saat ihrer Religion aus. Sie besuchten auch die Erde. Mithilfe der Xurr, die nun zum ersten Mal die Bühne des galaktischen Geschehens betraten, gelang es den Kantaki schließlich, die Doghon zu vertreiben. Aber der Zweite Konflikt der Konzepte hinterließ Spuren in der Gesellschaft der Kantaki – immer wieder wurden Stimmen laut, die eine Änderung des Sakralen Kodexes verlangten, um unmittelbare Eingriffe in die interstellaren Ereignisse zu ermöglichen.

4. Vor neunhunderttausend Jahren erfuhren die Kantaki von einer dunklen Macht, die sich im Zentrum der Milchstraße ausdehnte. Flüchtlinge berichteten von ihr, auch von den Toukwan, den »Fehlgeleiteten«, und die Kantaki versuchten vergeblich, Kontakt mit dem Konziliat aufzunehmen, das auch mithilfe der Pluriallinse nicht zu erreichen war. Sie ahnten, dass große Veränderungen bevorstanden, sahen darin ein Zeichen dafür, dass das Vierte Kosmische Zeitalter zu Ende geht und bald die Fünfte und letzte Ära beginnt. Doch die Kantaki glaubten, dass der Materie gewordene Geist noch nicht bereit ist für den Konflikt mit dem Abissalen im letzten kosmischen Zeitalter, und deshalb begannen sie damit, ihren interstellaren und intergalaktischen Einfluss mit dem Ziel zu nutzen, das Vierte Kosmische Zeitalter zu verlängern.

 

 

 

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